Selbstverortung als ästhetische Praxis
Ich sitze in einem Museumssaal.
Vor mir ein Selbstbildnis von Rembrandt van Rijn aus seinen späten Jahren.
Der Blick ist offen. Unmittelbar. Unverteidigt.
Er hält nichts fest – und entzieht sich doch nicht.

Rembrandt Harmensz van Rijn: Kleines Selbstbildnis, um 1655-1657
Bildrecht: Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie
Ich spüre meinen Körper.
Den Kopf, das Herz, den Bauch.
Eine leise Wehmut, eine präzise Traurigkeit, eine tiefe Menschlichkeit.
Kein Pathos. Keine Erklärung.
Nur: So ist es.
In diesem Moment wird mir klar, dass das, was sich hier ereignet,
nicht allein mit Kunstgeschichte zu tun hat.
Es ist eine Begegnung –
zwischen Bild und Betrachterin,
zwischen Vergangenheit und Gegenwart,
zwischen äußerer Form und innerem Erleben.
Eine Suchbewegung durch die Kunst
Der Weg zu diesem Bild führte durch andere Räume.
Zu Albrecht Dürer,
wo der Mensch sich als denkendes, verantwortliches Wesen begreift –
auf der Suche nach Ordnung, Proportion, Erkenntnis.
Zu Lucas Cranach der Ältere,
wo inmitten religiöser und politischer Umbrüche
Klarheit, Bekenntnis und Orientierung gesucht werden.
Zu Pieter Bruegel der Ältere,
der den Menschen nicht im Himmel verortet,
sondern im Rhythmus des Alltags, der Landschaft, der Arbeit, der Zeit.
Und schließlich zu Rembrandt –
wo nichts mehr erklärt wird
und dennoch alles da ist.
Diese Künstler verbindet kein Stil, keine Schule, keine eindeutige Linie.
Was sie verbindet, ist eine Suchbewegung:
der Versuch, sich selbst im Gefüge von Welt, Körper, Glauben und Zeit zu verorten.
Von der Kunst zur eigenen Erfahrung
Diese Suchbewegung ist nicht vergangen.
Sie setzt sich fort – durch uns.
Auch heute stehen wir in komplexen Gefügen,
zwischen innerem Erleben und äußerer Welt,
zwischen Wissen und Nicht-Wissen,
zwischen Halt und Offenheit.
Das Integral Art Lab versteht Kunstwerke nicht als Objekte der Analyse,
sondern als Resonanzräume.
Als Orte, an denen sich Wahrnehmung vertieft,
Erfahrung verkörpert
und neue Einsichten emergieren können.
Nicht durch Interpretation.
Sondern durch Präsenz.
Das Format
In einem 90-minütigen gemeinsamen Rundgang im
Kunsthistorisches Museum
öffnen wir ein Feld des achtsamen Wahrnehmens.
Nach einer kurzen gemeinsamen Einstimmung
bewegen wir uns durch ausgewählte Räume
der nordeuropäischen Malerei.
Es gibt Impulse.
Es gibt Stille.
Es gibt Dialog.
Ein zentraler Moment ist das Sich-rufen-lassen:
Jede Person folgt einer inneren Resonanz
zu einem Bild,
verweilt,
lauscht,
nimmt wahr.
Im anschließenden Austausch
– im Sprechen, Hören, Teilen –
kann sich zeigen,
was im Einzelnen und im Gemeinsamen
neu entsteht.
Nicht als Ergebnis.
Sondern als bewegliche Erkenntnis.
Einladung
Dieses Lab richtet sich an Menschen,
die bereit sind,
- Wahrnehmung zu verlangsamen
- Nicht-Wissen zuzulassen
- dem eigenen Erleben zu vertrauen
- Kunst nicht nur zu betrachten, sondern zu begegnen
Es braucht keine kunsthistorischen Vorkenntnisse.
Nur Präsenz.
Und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.
So ist es.
Vielleicht ist Forschung nicht das Finden einer Form,
sondern das Offenhalten eines Raumes,
in dem sich Form ereignen kann.
Zwischen Himmel und Erde.
Zwischen Bild und Körper.
Zwischen dir und mir.
